Contemporary Photography

Der Fotograf als Flaneur

Robert Boday, 1951 in Budapest geboren, mit 5 Jahren während des Aufstands gegen die sowjetische Herrschaft geflüchtet und nach Deutschland immigriert, lebt und arbeitet heute als freier Künstler in Düsseldorf. Sein Metier ist die Fotografie, mit deren Instrumentarien er der Wirklichkeit Spuren einer poetischen Ordnung abgewinnt. Poesie? Ordnung? Sagen wir es so: Boday ist in seinen Fotografien – er nennt sie überwiegend „Images“ – auf der Suche nach bildhaften Artikulationen der Wirklichkeit. Das ist nicht im Sinne des Pittoresken oder gar Idyllischen zu verstehen. Eher dürften es wohl die surrealen, die maskenhaften Aspekte der Wirklichkeit sein, die Boday interessieren. Inhaltlich handelt es sich um Beiläufiges im wörtlichen Sinn, gemeinhin Übersehenes, dessen geheime,szenische Theatralik Boday aufdeckt. Die bevorzugten fotografischen Schauplätze: Düsseldorf, der urbane Raum der Stadt in der Vielfalt ihrer Funktionen; Teneriffa, die Straßen und Plätzen verschiedener spanischer Städte; das Ruhrgebiet, Ungarn, vor allem Budapest. Hinzu kommen Naturaufnahmen, Pflanzen, Blüten, Bäume, die in einem ornamentalen All-Over präsentiert werden und als ‚lyrische Abstraktionen‘ keinen konkreten Orten mehr zugeordnet werden können.

Einige Arbeiten Bodays zeigen öffentliche Straßen oder Parkanlagen von einem distanzierten Standort aus. So präsentiert sich „Am Stresemannplatz (2017)“ als Fensterblick auf den Platz, der durch die zur Seite gezogenen Vorhänge wie eine Theaterbühne freigegeben, die durch Gitterstäbe jedoch zugleich verwehrt wird. Boday reflektiert diese Situation jedoch zusätzlich, indem der vermeintliche Blick von Innen nach Außen, in Wirklichkeit nur die von außen perspektivierte Spiegelung darstellt. Auch bei dem Blick auf eine belebte Platzsituation aus der Vogelperspektive (Denia, 2014) oder eine Häuserzeile auf Teneriffa (La Matanza, 2014) entsteht eine Form der Bildlichkeit, die Nähe und Distanz zugleich vermitteln. Die Tonalitäten variieren dabei auf einer Skala von skurril bis zart: Da ist die dezente Fensterauslage eines japanischen Restaurants mit Zierfischen, da ist die banal-chaotische Rückseite einer Kirmesbude, dann sind da die mysteriös wirkenden Szenen der Asphaltierung in einer Tiefgarage, die eher graphisch wirkende Struktur einer Hauswand, eine aus Pappmasche angefertigte Cinderella-Figur im Foyer eines Kinos, die bei aller Vertrautheit wiederum das Gefühl der Fremdheit evoziert. Die Motive tendieren zum Surrealen, so vor allem im Fall einer Frau beim Friseur, deren Kopf hinter den zum Färben von Strähnen verwendeten Alufolien verschwindet und wie eine Maskerade im Stil James Ensors anmutet. Manchmal sind Bodays „Images“ dann auch tatsächlich Aufnahmen von Museumsbildern, Bild-im-Bild-Verdoppelungen wie jene Aufnahme eines szenisch nachgestellten Krankenhauszimmers im Budapester „Rettungsmuseum“, welche an die Unruhen von 1956 erinnert und damit vielleicht auch an ein hängen gebliebenes Bild des eigenen Lebens.

Dennoch ist Politisches nur am Rande Thema. Bodays Fotografien sind auch nicht in einem relevanten Sinn dokumentarisch zu verorten. Ihre fotografische Indexikalität ist aufgehoben im unterschiedlich stark akzentuierten Bildmodus. Anders gesagt: Es sind die am Wegesrand entdeckten manchmal konkreten, bisweilen ins Abstrakte verfremdete Spuren einer Welt, die Boday in einem narrativen Duktus präsentiert und die darüber hinaus gelegentlich auch einen ironischen Blick auf die Lebensformen des „zivilisierten“ Weltbürgers werfen.

Robert Boday ist somit – um denn doch noch eine Zuordnung zu versuchen – der zeitgenössische Flaneur im alteuropäischen Sinne, einer der sich in Habitus und Weltsicht auf Baudelaire und Walter Benjamin berufen könnte, deren Erfahrungsraum bekanntlich der der Moderne war und an deren Sohlen, wie Benjamin anmerkte, die Erinnerungen der Stadt haften. In der Tat: Wer könnte den Flaneur heute überzeugender geben als der Fotograf. Die Erkundungen und Exkursionen des Robert Boday, bei dem die Kamera den Stift oder Pinsel abgelöst hat, sie erinnern durch die Person, aber auch die Themen jenen Hintergrund. Freilich ist die soziale Dimension der frühen Avantgarde nun in den Hintergrund gerückt, abgelöst von einer formalen Ästhetik, für die das reduzierte Farb- und Formenrepertoire des Minimalismus und der Farbfeldmalerei zum Maßstab geworden ist. Es ist diese Ästhetik, die den Fotografien von Boday ihren Reiz verleiht; sie lässt Raum für eine erzählerisch geprägte Exkursion.

Es ist in diesem Zusammenhang fast müßig darauf hinzuweisen, dass Boday den Kern der künstlerischen Fotografie nicht in der digitalen Bearbeitung sieht. Boday verändert oder bearbeitet nicht nachträglich, er fügt nichts hinzu. Die zunehmenden Grenzverwischungen zwischen realer und virtueller Welt, die uns die Bilderflut der Gegenwart beschert, sind Bodays Sache ganz und gar nicht. Boday betont die Authentizität des Bildes und damit auch die Wahrheit seiner Entdeckungen. Wenn sie denn trotz ihrer inhaltlichen und formalen Bandbreite eine Botschaft haben, dann die, dass die romantische Vermutung nicht ganz aus der Luft gegriffen ist, als gebe es da ein Demiurgen, der die Welt im Sinne ursprünglich bildhafter Zusammenhänge arrangiert hat.

Dr. Frank Maier-Solgk, Publizist